Pressemeldung
ICT-Bilanz Deutschland 2007 – Gesamtnote befriedigend
- Gestalten statt verwalten
- Produktivitätssteigerung nur mangelhaft
- Es ist noch ein weiter Weg nach Lissabon
Der globale ICT-Markt (Information and Communication Technology) hat in 2006 eine Größe von über 2.100 Milliarden erreicht. Und Exportweltmeister Deutschland weist ein Handelsbilanzdefizit in dieser Branche aus. Die Unternehmen investieren nur zaghaft, und oft konzentrieren sich die Entscheidungsträger im öffentlichen wie im privaten Unternehmen auf das Verwalten anstatt zu Gestalten. Die großen Ziele einer wissensbasierten Gesellschaft und Europa mit Deutschland an der Spitze lassen sich ohne enorme Kraftanstrengung wohl nicht mehr erreichen. Als Gesamtnote gibt es deshalb nur ein befriedigend (siehe Abbildung 1).

Die Wettbewerbsbetrachtung von Ländern und Regionen wurde in folgende vier Hauptbereiche aufgeteilt.
1) Die ICT-Branche – Note: Ungenügend
Als Exportweltmeister ist Deutschland eigentlich bestens positioniert im globalen Geschäft. Wenn man sich allerdings die Zahlen genauer anschaut, gilt dies leider absolut nicht für die Informations- und Telekommunikations-Branche. Im ICT-Markt hat Deutschland ein Handelsbilanzdefizit von 6,4 Mrd. Euro und ist somit eher Importeur von High-Tech. Der Binnenmarkt selbst hat eine absolute Größe von über 136 Milliarden Euro erreicht und wächst leicht, wenn auch deutlich geringer als in anderen Industrienationen und insbesondere im Vergleich zu den USA. Trotzdem hat damit die ICT-Branche eine extrem wichtige Stellung für Deutschland sowohl als Arbeitsmarkt als auch als Umsatzgröße eingenommen, insbesondere wenn man die Branche als Zukunftsbranche bezeichnet, mit wiederum starken Auswirkungen auf andere Branchen. Die Globalisierung sehen viele deutsche ICT Unternehmen als eine Bedrohung und nur wenige als Chance, so Luis Praxmarer, Global Research Director der Experton Group. SAP hat es sehr gut verstanden daraus Kapital zu schlagen, während Siemens und die Deutsche Telekom, hier nur beispielhaft erwähnt, dadurch massiv unter Druck geraten sind. Der weltweite ICT Markt hat eine Größe von über 2.100 Milliarden Euro und bietet damit ein enormes Exportpotential.
Der Dienstleistungsbereich ist von der Globalisierung noch nicht so stark betroffen wie das reine Produktgeschäft und bietet zahlreichen lokalen Firmen und Niederlassungen internationaler Unternehmen sehr gute Entfaltungsmöglichkeiten, wenn auch in einem hart umkämpften Markt. Aber auch hier ist globales Sourcing insbesondere für global agierende Unternehmen mehr und mehr eine Notwendigkeit.
Insgesamt hat Deutschland es in dieser Branche nicht geschafft, zu einem Vorreiter und Net-Exporteur zu werden und spielt damit im europäischen und insbesondere im internationalen Markt nur eine untergeordnete Rolle.
2) ICT Einsatz in Unternehmen – Note: Befriedigend
Die Durchdringung und der Einsatz von ICT in den Unternehmen sind grundsätzlich sehr ähnlich wie in den führenden Staaten. Die ICT-Ausgaben als Prozent des Umsatzes sind in den letzten Jahren sehr nahe an die der USA herangekommen. Allerdings gibt es doch noch starke Unterschiede in der Art und Weise wie die ICT- Kosten sich zusammensetzen und wie die ICT zum Geschäftserfolg beiträgt. Ergebnisse einer wissenschaftlichen Untersuchung von Bart van Ark and Robert Inklaar zur Produktivitätssteigerung der letzten 25 Jahre durch den Einsatz von IT gemessen am Bruttoinlandsprodukt (GDP) pro Arbeitsstunde zeigen große Unterschiede auf. Es wird von 50% Produktivitätssteigerung in den USA gegenüber 2% in der EU (15 Länder) gesprochen. Deutschland liegt dabei wiederum ca. in der Mitte des EU-Feldes.

Während deutsche Unternehmen sehr wohl Einsparungen durch den Einsatz von IT erreichen, sind diese oft auf die „Hard Facts“ begrenzt, also die direkten Auswirkungen des Projektes. Die „Soft Facts“ sind stark abhängig vom Wettbewerbsdruck und internen Prozessen, die ergänzende und komplementäre Innovationen stimulieren und ineffiziente Nutzung von ICT Technologie eliminieren. Genau hier riskieren Deutschland und Europa, diese Produktivitätsverbesserungen nicht realisieren zu können und in den alten Prozessen stecken zu bleiben bzw. zu verharren.
Der Ruf nach mehr Transparenz des ICT Einsatzes als Beitrag zum Geschäftserfolg, ist schon seit Jahren verstärkt zu hören. Aber trotzdem ist Kosteneinsparung noch die Nummer eins Priorität bei deutschen IT Leitern. „Obwohl so manche ihre Hausaufgaben im Kostenbereich gemacht haben, sträubt sich doch der Großteil die schwierigen Themen wie Mitarbeiter, Produktivität, Prozesse, Portfolio Management, Innovation und Beitrag als auch Nachweis zum Geschäftserfolg anzugehen“ äußert sich Luis Praxmarer, Global Research Director der Experton Group.
Innovation und Transformation wird von den wenigsten IT Organisationen in den Unternehmen pro-aktiv getrieben. Über 3/4 aller IT Organisationen in Deutschland haben den ITO Level 0-2 und weniger als 25% sind im Bereich Level 3-5 angesiedelt. Typischerweise wird im ITO Level 0-2 nur von ICT Kosten gesprochen, während es erst darüber zu ICT Investitionen kommt. Deshalb wird auch die Forderung der Geschäftsleitung nach gestalten statt verwalten immer größer.
3) Privater Einsatz – Note: Gut
Die Pro-Kopf-Ausgaben für ICT sind in Deutschland leicht über dem EU-15 Durchschnitt, aber gegenüber den führenden Staaten deutlich niedriger. Dies spiegelt sich dann auch in der PC-Penetration wider. Deutschland liegt mit 43 PCs pro 100 Einwohner weit hinten verglichen mit der Schweiz mit 87 und den USA mit 80 PCs.
Dennoch sind 68% der Bevölkerung Web User, und der Gesamtumsatz im Internet ist führend in Europa. Das heißt, die Deutschen sind starke Internet User und scheuen sich nicht, dort auch Geschäfte abzuwickeln.
4) Öffentlicher Bereich – Note: Mangelhaft
Die Ernsthaftigkeit, eine so umsatzstarke und zukunftswichtige Branche zu fördern und zu einem wichtigen Standbein der deutschen Wirtschaft zu machen, ist sicherlich in Deutschland auf Bundesebene nicht erkennbar. Über Lippenbekenntnisse, fehlende Zielvorgaben und Fördertöpfe, die im Vergleich zu Kohle- und Agrarsubventionen wie lächerliche Brotkrümeln aussehen, geht es nicht hinaus. Im eGovernment Bereich wie auch in der Ausbildung, sowohl was Qualität als auch ICT-Ausstattung betrifft, ist Deutschland klar gegenüber der Weltklasse abgerutscht, resumiert Praxmarer und folgert: „Stillstand bedeutet hier klar Rückschritt“. Vor Jahren noch Stolz auf die meisten verlegten Glasfaserkilometer wurde daraus nichts gemacht. Im Bereich Telearbeitsplätze ist Deutschland ebenfalls klar abgeschlagen. Das in Lissabon gesetzte Ziel, bis 2010 die führende wissensbasierte Gesellschaft zu werden, ist weiterhin tausende von Kilometern entfernt. Aber vielleicht hilft ja die insgesamt positive wirtschaftliche Aussicht, dies wieder anzukurbeln.
Bild und Biographie von Luis Praxmarer finden Sie unter folgendem Link: www.experton-group.de/company/team/person/article/praxmarer-luis.html
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