ICT News DACH
Kurzüberblick über eigenentwickelte Individual-Software in Anwenderunternehmen und deren Vermarktung
Die Experton Group hat im Frühjahr 2012 ein Analyseprojekt im Umfeld der Nutzung von Software (und ausgewählten Services) in Unternehmen gestartet. Eine Facette der Betrachtungen zielt auf die Themen „Eigenentwicklung von Software“ und dem Roadmapping von Technologien in Anwenderunternehmen ab. Hierbei werden auch die gegenwärtig dominierenden Strömungen – namentlich Bereitstellungsmodelle wie „Cloud Computing“ und „Consumerization of IT“ – kritisch gewürdigt.
In der heutigen Ausgabe des ICT-Newsletters stellen wir ausgewählte Ergebnisse einer Marktbefragung dar, skizzieren Chancen und Risiken für Anwenderunternehmen und umreißen mögliche Geschäftschancen für den IT-Channel [siehe auch Newsletter 21/2012 (… der IT-Channel, Consumerization of IT und …)]. Wir beschäftigen uns in nachfolgenden Ausführungen kurz mit „Make or buy“-Entscheidungen – respektive kollaborativen Tendenzen in der Entwicklung von Software, sowie mit der Diskussion „keep or sell“.
Software ist ein Motor der wirtschaftlichen Entwicklung von einzelnen Unternehmen und unserer Gesellschaft. Studien der Experton Group aus den Jahren 2006, 2009 und 2011 zeigen, dass Anwenderunternehmen je nach Größe und Branche zwischen 20 und 40 Prozent ihrer IT-Ausgaben für Software verwenden. Hinzu kommen oftmals noch Ausgaben für die Eigenentwicklung von Software.
Eine im Frühjahr 2012 durchgeführte Marktbefragung der Experton Group zeigt auf, dass ca. 70 Prozent der Unternehmen in Deutschland Individual-Software im Einsatz haben. Dabei wird unter Individual-Software solche Software verstanden, die speziell für das eigene Unternehmen durch interne oder externe Ressourcen entwickelt und programmiert wurde. [Anmerkung: Programmierung im Umfeld von Excel, etc. fallen nicht unter diese Betrachtung] Besonders ausgeprägt sind die Eigenentwicklungen in Unternehmen mit 2.500 und mehr Mitarbeitern. Hier geben 87 Prozent der Befragten an, Indiviudal-Software einzusetzen. Diese Software wird exemplarisch in der Produktionsplanung, in Bereichen der Warenwirtschaft/ERP-Systeme oder in CRM-Lösungen genutzt.
Gespräche mit IT-Entscheidern und durchgeführte Beratungsmandate bestätigen die Einschätzung, dass insbesondere Unternehmen aus der Branche Maschinenbau oder Anlagenfertiger aus Produktionslösungen, die mit Informationstechnologie kombiniert betrieben werden, ihren Wettbewerbsvorteil ziehen.
Neben sonstigen Technologien und Werkstoffen bildet gerade eigenentwickelte Software hier oftmals den entscheidenden Differenzierungsfaktor. Aber auch Prüflabore, Zulieferer oder Dienstleistungsunternehmen versuchen durch eigenentwickelte Software, Differenzierungs- und Kostenvorteile gegenüber direkten und indirekten Marktteilnehmern zu erarbeiten.
Neue Anforderungen an Eigenentwicklungen
Allerdings haben sich in den letzten Jahren die Arbeitsweise und die Anforderungen an die Software-Entwickler und Produktplaner nachhaltig geändert. Auch hier halten immer öfter die Trends der Consumerization of IT und Cloud Computing Einzug. So wird zum Beispiel an Anwendungen (Applikationen) gearbeitet, die plattform- und geräteübergreifend auf Produktionsanlagen zugreifen. Dem Kunden soll es ermöglicht werden, losgelöst von Raum, Zeit und Device, die Produktionsanlagen überwachen und/oder steuern zu können. Gleiches gilt für den eigenen Fieldservice. Hierbei gibt es neben der Einhaltung von Datenschutz- und Datensicherheitsaspekten insbesondere die Herausforderung der Komplexität der unterschiedlichen Plattformen, sowie den großen – und noch zunehmenden – Variantenreichtum an Tablets und Smartphones. Es reicht nämlich an dieser Stelle nicht, einmal eine Anwendung zu entwickeln und über alle Plattformen auszurollen. So sind für viele Szenarien Entwicklungen auf Multiplattform-Frameworks nicht zielführend. Vielmehr gilt es die unterschiedlichen Bedienkonzepte zu würdigen und unterschiedliche Auslegungen von Standards bezüglich Security zu berücksichtigen. Die zentralen Herausforderungen für diese Unternehmen liegen neben der strategischen Planung (siehe auch Newsletter 19/2012 und 20/2012), in der Bereitstellung von ausreichenden personellen Ressourcen. Auch ein fehlender Erfahrungshintergrund für dieses Entwicklungsfeld wird oftmals als Hemmnis eingestuft.
Auseinandersetzung mit Technologie im Allgemeinen und individuellen Roadmapping im eigenen Unternehmen erfolgt nur bedingt – und nur in Großunternehmen
Die Nutzung von Informationstechnologie als Produktionsfaktor im Allgemeinen sowie der Einsatz von (eigenentwickelter) Individual-Software im Speziellen bedingt eine Strukturierung der eingesetzten Technologien sowie eine Technologie-Roadmap. Dies wird auch dadurch erforderlich, dass eingesetzte Produkte und Lösungen einem Lebenszyklus unterliegen. Für die unternehmensinterne Definition von Lebenszyklen und zur Erarbeitung von Roadmaps gibt es standardisierte Konzepte. Diese bilden teilweise branchenspezifische Facetten ab.
Bezogen auf die Eigenentwicklungen von Individual-Software zeigt die durchgeführte Befragung jedoch auf, dass nur 41 Prozent der befragten Unternehmen ein strategisches Technologie-Management im Sinne einer definierten Technologie-Roadmap betreibt. Bei Unternehmen mit 100 bis 499 Mitarbeitern sind es lediglich 26 Prozent.
Aus Sicht der Experton Group ist für Unternehmen ein operatives, strategisches und normatives (=allgemeine Auseinandersetzung mit den Voraussetzungen, Möglichkeiten, Auswirkungen und Grenzen) Technologiemanagement essentiell.
Kollaboration bei der Entwicklung von Software in Anwenderunternehmen gegenwärtig nicht angesagt
Ob eine Software selber entwickelt wird oder als Standard gekauft wird, ist eine Entscheidungsaufgabe die strategisch von IT-Verantwortlichen, Unternehmensleitung und den relevanten Fachverantwortlichen getroffen werden muss. Zu berücksichtigen sind regelmäßig effizienzorientierte (=ökonomische) und effektivitätsorientierte (=strategische) Größen. Neben der Diskussion um „make or buy“ müsste eigentlich die Diskussion einhergehen mit der Frage, ob die Entwicklung (Erstellung, Beschaffung) nicht über Kollaborationen erfolgen kann. In dieser Beschaffungsalternative erfolgt die Entwicklung der Software gemeinsam mit anderen Anwenderunternehmen. Dies können Wettbewerber (Co-opetion; siehe hierzu auch Newsletter 17/2011 vom 29.04.2011), Unternehmen einer anderen Wertschöpfungsstufe innerhalb der gleichen Branche oder auch branchenfremde Unternehmen sein. Die Vorteile liegen insbesondere in monetären und zeitlichen Größen. Die Risiken sind insbesondere beim Verlust von Kompetenzen und einer Offenlegung von Strategien zu sehen.
Bedingt durch Vorbehalte in Bezug auf Wettbewerbsrisiken sind auch die relativ geringen Kooperationsraten zu erklären. Nur 22 Prozent der befragten Entscheider gaben an, im Rahmen der Software-Entwicklung mit anderen Unternehmen zu kooperieren. Bei Unternehmen mit 100 bis 499 sind es nur 9 Prozent.
Bei allen Vorbehalten gegen eine kooperative Strategie empfiehlt die Experton Group, dieses kollaborative Vorgehen genauer zu prüfen. Hierzu gibt es etablierte Methoden, die Entscheidungsfindung auf eine valide Basis zu stellen. Dies sind exemplarisch Konzepte der Transaktionskostentheorie oder Nutzwertanalysen.
Behalten – oder verkaufen?
Viele Unternehmen entscheiden sich, Software selber zu entwickeln und dann entsprechend im Unternehmen einzusetzen. Durch diese Entwicklungstätigkeiten werden Werte geschaffen, die in Summe in den Milliardenbereich tendieren. Nun könnte es doch interessant sein, diese Software auch zu verwerten – exemplarisch durch Kooperation, Übertragung von Nutzungsrechten oder dem kompletten Verkauf. Dies könnte dann Software sein, die durch ihre eigentliche Nutzung nicht zu wesentlichen Wettbewerbsvorteilen führen, oder deren Lebenszyklus bereits fortgeschritten ist.
Allerdings sehen – bzw. realisieren - nur 7 Prozent der Befragten diese Monetisierungsoption. In Unternehmen mit 1.000 bis 2.499 Mitarbeiter sind es 10 Prozent, in Unternehmen mit mehr als 2.500 Mitarbeitern sind es 17 Prozent.
Aus Sicht der Experton Group ist die Vermarktung der Software ein durchaus probater Weg, um die Rekapitalisierung bzw. die Finanzierung abzubilden.
Insbesondere an dieser Stelle können Unternehmen aus dem IT-Channel ansetzen, und als Intermediär und Kooperationspartner der IT-Verantwortlichen und Entwickler in den Unternehmen fungieren. Sie können durch ihre Marktkenntnisse und Methodenkompetenz einen Mehrwert für die Anwenderunternehmen schaffen.
Fazit
Individual-Software hat einen festen Platz in der digitalen Leistungserbringung in Unternehmen in Deutschland. Allerdings erfolgt nur in den seltensten Fällen ein durchgängiges Management dieser Aktivitäten. Insbesondere der Verzicht auf mittel- bis langfristige Technologie-Roadmaps und den Wirkungskreis der Eigenentwicklungen, werden direkte Auswirkungen auf die operative Umsetzung haben. Insbesondere dann, wenn neue personelle Ressource mit neuen bzw. veränderten Skills benötigt werden. Durch eine zusätzliche Vermarktung können Eigenentwicklungen finanziert. Dies kann in Kooperation mit Unternehmen aus dem IT-Channel erfolgen. Darüber hinaus können durch Partnerschaften mit Unternehmen gleicher oder anderer Wertschöpfungsstufe zeitliche und monetäre Skaleneffekte entstehen.

